Von Jenny Becker
Neues Deutschland, 01.11.2013


Kleine Geste, große Wirkung
Inderin umarmte schon Millionen Menschen

Die Inderin Amma ist ein Phänomen: Weltweit hat sie schon 33 Millionen Menschen umarmt. Auch in Deutschland strömen Zehntausende zu ihr. Wie kommt das?



Warten auf Ammas Umarmung
Foto: imago/Lars Reimann


Es dauert nur ein paar Sekunden. Einmal den Kopf versenken an der Brust dieser kleinen Frau, dann ziehen Helfer den Knieenden wieder auf die Füße und schieben ihn fort. Der Nächste, bitte. Amma, die Umarmerin, sitzt in weiße Tücher gehüllt auf einem niedrigen Holzthron und schließt jeden lachend in ihre Arme, als handele es sich um einen lange vermissten Freund. Das macht sie zwölf Stunden am Tag, manchmal die ganze Nacht hindurch. Amma, die »Mutter«, wird in Indien als Mahatma verehrt, als »große Seele«. Sie ist eine spirituelle Lehrerin, ein Guru, auf jeden Fall ein Phänomen. Weltweit soll die 60-Jährige schon 33 Millionen Menschen umarmt haben, zu ihren Fans gehören Hollywood-Stars wie Richard Gere und Sharon Stone.
Einmal im Jahr geht die rundliche Inderin auf Tour, bis Mitte November bereist sie Europa. Ab heute ist sie in der Maimarkt-Halle in Mannheim zu Gast, es werden etwa 15 000 Besucher erwartet in zwei Tagen. Mannheim ist Ammas letzte Station in Deutschland. Zuvor war sie in München und Berlin, es kamen rund 37 000 Menschen. Was suchen sie in den Armen dieser Frau? Und wie ist es, Amma zu begegnen?
Ein Siebenjähriger sagt: »Schööön!« Seine Mutter: »Wie Zuhause ankommen.« Ein Siebzigjähriger: »Solche Nähe lässt man normalerweise gar nicht zu.« Eine Ergotherapeutin: »Wir haben Sehnsucht nach dieser weiblichen Seite, sie wird bei uns zu wenig gelebt.«
Amma kommt aus einer Fischerfamilie in Südindien. Mit 9 Jahren brach sie die Schule ab, weil ihre Mutter erkrankte und sie Essen bei den Nachbarn erbetteln musste. In deren Hütten sah sie Krankheit und Elend. Spontan begann das Mädchen die Nachbarn zu umarmen, ungeachtet ihrer Religion oder Kaste. Ein Tabubruch. Doch im wundergläubigen Indien sprach sich herum, dass ein Fischermädchen die Gabe besaß, Menschen in einen Zustand des Friedens zu versetzen, indem es sie umarmte. Bald wurde sie Mata Amritanandamayi genannt, »Mutter der unsterblichen Glückseligkeit«, kurz: Amma.
An Ammas Thron riecht es nach Rosen. Die Bühne ist mit einem grauen Teppich belegt, ein unablässiger Strom Menschen fließt darauf zu wie auf ein rettendes Schiff. Eine Leinwand überträgt das Geschehen in die Halle. Wenn man direkt neben Amma sitzt und die Gesichter beobachtet, die vor ihr auftauchen, will man sich fast beschämt abwenden. Nicht weil alte Männer in Tränen ausbrechen und junge Frauen überwältigt aufjauchzen. Sondern weil die Menschen sich anscheinend nur hier, in diesen Sekunden auf dem kratzigen Teppich, ganz angenommen fühlen. Weil sie fünf Stunden und länger auf diese Umarmung warten. Man schämt sich ein bisschen für eine Gesellschaft, in der man sich schwer tut, einander zu berühren und die Menschen allein sind mit ihrer Sehnsucht nach Liebe. Brauchen wir mehr Gesten der Zuwendung?



An Verkaufsständen kann man unter anderem Fotos von Amma erwerben.
Foto: Jenny Becker

» Liebe wird oft als körperliche Anziehung verstanden«, sagt Amma mit einer Stimme, rau wie die Erde. »Sie wird nicht als Einheit erlebt, die alles im Universum verbindet.« In ihre schwarzen Haare hat sich das Alter geschlichen, aber das leuchtende Gesicht ist das einer jungen Frau. »Ich sehe nicht die Fehler in den Menschen, sondern die Schönheit in allen Dingen. Ich akzeptiere jeden, wie er ist.«
Für viele klingt das alles ziemlich esoterisch. Ammas erster Deutschlandbesuch fand 1987 in einer Münchener Jugendherberge statt, damals kamen 100 Leute. Die Lehrerin Maria Kriester war die Initiatorin, heute ist sie 70 Jahre alt, eine zierliche Dame, die sich erinnert: »Es war immer schwer, Räume für die Treffen zu organisieren. Die Vermieter waren skeptisch. Das änderte sich erst, als Amma internationale Auszeichnungen bekam.« 2002 der Gandhi-King-Preis für Gewaltlosigkeit, 2006 der Interfaith-Award, den vor ihr schon der Dalai Lama erhielt.
Der feine Unterschied zwischen weltentrückten Esoterikern und Amma steht auf den Verkaufstischen zwischen Kristallen und bunten Tüchern. Ein Schild mit der Aufschrift: »Ihr Kauf macht es möglich. Umweltinitiativen, Renovierung von Slums, Stärkung von Frauen«. Amma hat das weltweit tätige Hilfswerk »Embracing the world« aufgebaut und es braucht schon ein Buch, um dessen wohltätige Projekte aufzuzählen. Die NGO hat eine Universität, Schulen und Krankenhäuser errichtet, sie finanziert Stipendien für arme Kinder und Renten für Invaliden. Amma ist kein Guru, der mit Räucherstäbchen in seinem Ashram sitzt und Erleuchtung predigt. Sie packt an, wo Hilfe nötig ist. Nach dem Skandal um die Vergewaltigung von Frauen in Indien berief sie eine Konferenz ein und ließ ein Alarmgerät entwickeln, das man wie eine Uhr trägt. Nach Naturkatastrophen wie in Japan oder Haiti ist sie nicht nur vor Ort, um zu umarmen, sie hat ein Heer von Freiwilligen zur Verfügung - und einige Millionen Dollar Hilfsgelder. Hingabe ist ansteckend. Ammas Erfolg ist eine Mischung aus Tatkraft, Umarmungen, Sozialpolitik und Esoterik.
Wie fühlt sie sich nun an, die berühmte Umarmung, diese kleine Geste mit großer Wirkung? Amma breitet die Arme aus, der Kopf versinkt im Dunkel ihrer Halskuhle. Die kleine Frau wirkt plötzlich sehr groß, sie ist überall, es fühlt sich ungewohnt an, aber gut. »Meine Liebe, meine Liebe, meine Liebe«, raunt es dicht am Ohr, wie in Kindertagen. Dann ist es vorbei, nach drei Sekunden oder dreißig. Amma schenkt ein Bonbon, in ein Rosenblatt gewickelt, eine Helfershand zieht am Arm, und alles ist wieder da - der kratzige Teppich und die Leinwand, die den privaten Moment in die Halle überträgt. Am Ende bleibt der Entschluss, die eigenen Freunde beim nächsten Treffen einfach mal länger zu umarmen.

weiterführende Informationen unter: www.amma.de

 

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